Manchmal beginnt ein gutes oder frustrierendes Training nicht erst auf der Trainingsfläche, sondern schon viel früher. Nämlich in dem Moment, in dem wir morgens in den Spiegel schauen. In dem Satz, den wir uns denken, wenn wir in die Sportsachen steigen. In diesem einen kleinen inneren Kommentar, der fast nebenbei auftaucht: Ich bin nicht fit genug. Oder: Ich kriege sowieso keinen Rhythmus hin. Oder eben: Egal, ich gehe trotzdem. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich habe da ständig diese innere Stimme in mir und die ist nicht gerade zimperlich mit ihrer Kritik.
Von außen sieht das oft ganz unspektakulär aus. Zwei Menschen betreten dasselbe Studio, absolvieren vielleicht sogar ein ähnliches Training und erleben es trotzdem völlig unterschiedlich. Für die eine Person ist es ein mutiger Schritt. Für die andere ein weiterer Beweis dafür, dass sie „nicht diszipliniert genug“ ist. Genau darin liegt ein Punkt, den wir im Fitnesskontext schnell unterschätzen: Dein Körper trainiert nie ganz allein. Dein Blick auf dich selbst trainiert immer mit.
Training ist mehr als körperlich
Natürlich geht es beim Training um Muskeln, Ausdauer, Beweglichkeit, Technik und Regeneration. Aber es geht eben auch um Motivation, Selbstvertrauen und die Frage, wie wir Rückschläge einordnen. In der Forschung spielt dabei ein Begriff eine wichtige Rolle: Selbstwirksamkeit. Gemeint ist damit die Überzeugung, dass man etwas schaffen kann, auch dann, wenn es anstrengend wird. Genau diese Überzeugung hängt seit Jahren verlässlich mit Bewegungsverhalten zusammen. Wer eher glaubt, mit Hürden umgehen zu können, bleibt oft eher dran.
Das heißt im Alltag: Nicht nur dein Trainingsplan zählt, sondern auch dein Mindset. Wer sich selbst nur als „unsportlich“, „zu undiszipliniert“ oder „immer wieder scheiternd“ wahrnimmt, startet oft schon mit angezogener Handbremse.
Dein Selbstbild entscheidet mit, wie du Erfolge und Pausen bewertest
Spannend ist dabei: Das Selbstbild zeigt sich nicht nur am Anfang, sondern auch im Umgang mit Unterbrechungen. Ein verpasstes Workout ist für manche einfach ein verpasstes Workout. Für andere wird daraus schnell eine ganze Geschichte: Jetzt habe ich es wieder nicht geschafft. Typisch ich. Ich ziehe eh nie etwas durch. Aus einer einzelnen Situation wird ein Urteil über die eigene Person.
Vielleicht kennst du das auch: Du hattest eine stressige Woche, warst krank, das Kind war krank, die Nächte waren kurz oder dein Kopf einfach voll. Eigentlich wäre die logischste Reaktion, sanft wieder einzusteigen. Stattdessen melden sich oft alte Gedankenmuster: Wenn ich es nicht richtig mache, kann ich es auch lassen. Oder: Jetzt muss ich das wieder kompensieren.
Das Problem daran ist nicht nur der Druck. Das Problem ist, dass Druck oft die Freude, die Leichtigkeit und das Vertrauen in den eigenen Weg auffrisst.
Der innere Dialog spielt also eine größere Rolle, als viele denken. In der Sportpsychologie gibt es schon länger Hinweise darauf, dass Self-Talk, also das, was wir uns innerlich sagen, Leistung und Erleben beeinflussen kann. Dabei gelten positive, motivierende oder instruktionale Selbstgespräche als eher förderlich für Leistung und sportliches Verhalten.
Im Fitnessalltag muss das gar nicht kompliziert klingen. Es reicht oft schon, wenn aus Ich kann das nicht ein Ich taste mich da gerade rein wird. Aus Ich bin so unfit vielleicht Ich bin im Aufbau. Aus Ich habe wieder versagt eher Ich fange heute einfach wieder an.
Das klingt klein, ist aber oft der Unterschied zwischen Rückzug und Handlung. Zwischen Scham und Bewegung. Zwischen innerem Gegendruck und einem realistischen nächsten Schritt.
Kleine Perspektivwechsel für dein nächstes Training
Vor dem Training kannst du dich einmal bewusst fragen: Mit welchem Blick gehe ich heute eigentlich in diese Einheit? Will ich mir etwas beweisen? Will ich etwas ausgleichen? Oder will ich mich unterstützen? Und was mir besonders hilft: Wer bin ich, in dem Momenten, in denen ich mich selbst fertig mache?
Hilfreich kann auch sein, alte Label zu hinterfragen. Vielleicht bist du nicht unsportlich. Vielleicht hattest du einfach lange nicht die richtige Sportart oder das passende Gym, die zu deinem Leben gepasst haben. Vielleicht bist du nicht undiszipliniert. Vielleicht war dein Alltag in letzter Zeit einfach zu voll. Und vielleicht musst du nicht erst ein anderer Mensch werden, um wieder anzufangen.
Ein dritter Perspektivwechsel ist, Erfolg neu zu definieren. Erfolg ist nicht nur die perfekte Woche, das durchgezogene Programm oder der persönliche Rekord. Erfolg kann auch sein, überhaupt hingegangen zu sein. Nach einer Pause wieder angefangen zu haben. Auf den Körper gehört zu haben. Nicht aufgegeben zu haben, nur weil es nicht ideal lief.
Du nimmst dich immer mit ins Training
Wir sprechen im Fitnesskontext oft über Übungen, Pläne, Routinen und Ziele. Alles wichtig. Aber manchmal liegt der eigentliche Hebel in der Art, wie wir uns selbst begegnen.
Denn so, wie du auf dich blickst, fühlt sich oft auch dein Training an. Schwer oder machbar. Strafend oder unterstützend. Frustrierend oder entwicklungsfähig.
Vielleicht musst du also nicht als Erstes deinen Trainingsplan ändern. Vielleicht hilft es schon, den Ton zu verändern, mit dem du mit dir selbst sprichst.
Viel Spaß beim Training!
Deine Esther
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